Bericht von Hans Christoph Graf Schweinitz über das VSA Treffen 2016 in Breslau

Vom 29. September bis 3.Oktober 2016 fand in der Kulturhauptstadt Breslau ein Familientreffen der Vereinigung des Schlesischen Adels (VSA) statt, zu der alle Mitglieder der VSA und einige Gäste eingeladen waren. Dankenswerter Weise hat hat der Stellvertretende Vorsitzende der VSA, Hans Christoph Graf Schweinitz, über das Treffen einen Bericht verfasst, der im Folgenden nach zu lesen ist:

VSA-Treffen in Breslau

Die Vereinigung Schlesischer Adel (VSA) hatte Mitglieder und Gäste vom 29. September bis zum 3. Oktober 2016 in die Europäische Kulturhauptstadt Breslau eingeladen.

Wie bei einem lockeren Familientreffen sollten alte und junge Schlesier, die heute verstreut in der Diaspora leben, Gelegenheit zu Wiedersehen, Kennenlernen und Kontakthalten haben. Dazu war, da dieses Jahr keine satzungsmäßigen Regularien anstanden, als Schwerpunkt wieder vorgesehen, daß „Schlesier mit Schlesiern über schlesische Themen sprechen“, diesmal wieder in Schlesien.

Eintreffen und (Wieder-)Begegnen im Hotel am Freitag, 30. Oktober, für einige leider verzögert durch Staus auf den Autobahnen.

Das Programm begann am Samstag pünktlich um 9 Uhr. Leider hatte der Vorsitzende, Prinz Ernst Biron von Curland, wegen einer plötzlichen Erkrankung absagen müssen, so dass Hans Christoph Graf Schweinitz die Leitung übernehmen musste. Er begrüßte Prof. Ruchniewicz als Sprecher zu dem Hauptthema, Pastor Andrzej Fober von der Christophori-Gemeinde und Pater Marian Arndt sowie die zu dem Treffen gekommenen VSA-Mitglieder und Gäste.

Das „Schlesische Thema“ hieß diesmal „Europa – Einheit mit unterschiedlichen Geschichtsbildern“. Darüber sprach der Breslauer Schlesier Professor Dr. habil. Krzysztof Ruchniewicz, Direktor des Willy Brandt Zentrums für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław (WBZ).

Frhr. v. Seherr- Thoss, Probst Fober, Prof. Ruchniewicz, Graf Schweinitz, Dr Frhr.  v. Czettritz (von links)

 

 

 

 

 

 

Der Fremde Krieg

Ausgangspunkt war sein im Gedenkjahr 2014 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichter Artikel „Der fremde Krieg“.

Dort heißt es einleitend: „Im Gedenken an den Ersten Weltkrieg kommt Osteuropa kaum vor, dabei waren seine Folgen dort einschneidender als im Westen: Er verwüstete riesige Gebiete und veränderte die politische Landkarte von Grund auf. Doch selbst in der Erinnerung der Völker, auf deren Gebiet diese Schlachten ausgetragen wurden, kommen sie nicht vor“.

Nach Beschreibungen des Kriegsverlaufs und der fürchterlichen Zerstörungen und Verluste für die Zivilbevölkerung dieser Gebiete heißt es weiter: „Doch trotz dieser Schlachten, Verluste und Zerstörungen entschied sich dieser Krieg tatsächlich nicht im Osten. Blickt man vom Ende her auf die Geschichte des Ersten Weltkriegs zurück, dann scheint die geringe Beachtung der Ostfront in der Erinnerung in gewisser Hinsicht verständlich zu sein. Schaut  man aber vom Jahr des Kriegsendes aus nach vorne, konzentriert sich auf die Folgen des Krieges – das Ende der drei Kaiserreiche, die Entstehung neuer Staaten und vor allem auf die Entstehung des bolschewistischen Russlands, dann kann man behaupten, dass das 20. Jahrhundert aus dem östlichen Kriegstheater geboren wurde“.

Dass der Krieg im Osten zum vergessenen Krieg wurde, mutet paradox an, ist aber verständlich: „Nur die Öffnung zu einer neuen politischen Situation als Ergebnis der gleichzeitigen Niederlage aller drei Kaiserreiche … war ein Grund zur Freude für die kleineren Völker, die von diesen mehr oder weniger unterdrückt worden waren. Die eigenen Verluste in diesem ‚fremden Krieg‘ waren demnach ein unangenehmer, aber notwendiger Tribut für die Erlangung eigener Saaten“.

Symbolisch dafür ist das Datum des polnischen Nationalfeiertags am 11. November: „Erinnert wurde … nicht an den Tag, an dem an der Westfront der Waffenstillstand beschlossen worden war, sondern an den Beginn des Aufbaus des neuen polnischen Staates: An jenem Tag wurde Józef Pilsudski, der erst einen Tag davor aus der deutschen Haft nach Warschau gekommen war, zum Oberbefehlshaber der polnischen Verbände und übernahm die Macht an der Weichsel“.

Weitere Gründe, warum der Erste Weltkrieg im Geschichtserinnerung in den Hintergrund trag: „Für diesen Teil Europas endete der Krieg nicht am 9. November 1918, sondern ging in eine Reihe von Konflikten anderer Art über, die noch einige Jahre dauerten. Von 1914 bis 1918 wurde aus der Sicht der Osteuropäer ‚ihr‘ Krieg ausgefochten, ab 1918 waren es ‚unsere‘ Kriege um Freiheit, Unabhängigkeit und Grenzziehung. Polen etwa kämpfte bis 1921 um seine Grenzen; es rang mit Deutschland und Russland, trug Konflikte mit der Tschechoslowakei, den Ukrainern und Litauern aus. Die baltischen Staaten befanden sich damals in Existenzgefahr. Ihnen drohte eine abermalige Unterjochung durch Moskau. Der Versuch nationalorientierter Ukrainer, einen eigenen Staat zu schaffen, scheiterte in Kämpfen, die gegen die Polen, aber teilweise auch im Bündnis mit ihnen gegen die Bolschewiki geführt wurden.“

Der Zweite Weltkrieg mit seinen erneut alles Bisherige übersteigenden Grausamkeiten, Zerstörungen, Vertreibungen sowie der politischen Propaganda in und nach dem Krieg hatte noch einmal großen Einfluss auf den Inhalt der geschichtlichen Erinnerungen. Auch dadurch wurden viele weitere Denkmäler und Erinnerungsorte zerstört oder unzugänglich. Nationale Entwicklungen der Zwischenkriegszeit wurden im Ostblock für faschistisch erklärt, soweit sie sowjetischen Vorstellungen widersprachen. „Aus der Perspektive vieler Völker Ostmitteleuropas brachte der Erste Weltkrieg die Freiheit, während der Zweite Weltkrieg sie – trotz der Niederlage des Nationalsozialismus – wieder nahm“.

(Der ganze Artikel ‚Der fremde Krieg‘ ist im Internet unter www.faz-archiv.de mit dem Stichwort Ruchniewicz zu finden).

Diskussion

In der sehr angeregten Diskussion ging es um viele Fragen durch alle Jahrhunderte der europäischen Geschichte, über die hier nur in zusammengefasster Form berichtet werden kann.

Auf die naheliegende Frage, ob den verschiedenen Geschichtsbildern nicht eine abgestimmt Darstellung gegenübergestellt werden könne ‚wie es gewesen ist‘, brachte Prof. Ruchniewicz das Bespiel, dass nach russischer Auffassung der ‚Große Vaterländische Krieg‘ erst 1941 mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion begonnen habe; alles davor (Hitler-Stalin-Pakt, Überfall Deutschlands auf West-Polen,  Besetzung Ostpolens durch die Sowjet-Union, Katyn) habe damit nichts zu tun – was in Polen natürlich ganz anders gesehen werde.

Karolingisches Nachkriegs-Europa?

Gab es nicht auch im westlichen Geschichtsbild Einschränkungen und vergessene Bereiche? Das Bild Nachkriegseuropas scheint doch sehr stark auf das karolingische Reich beschränkt beziehungsweise auf das Weströmische Reich, dessen Krone Karl übernommen hatte: Rom, Italien und die Provinzen Gallien und Germanien – das war die EWG westlich des Eisernen Vorhangs. Spanien war zu karolingischen Zeiten schon arabisch und nach 1945 noch franquistisch, kam dann aber auch zur EG. Britannien hatte zu allen Zeiten eine insulare Sonderrolle. War in diesem Geschichtsbild in der Zeit des Kalten Krieges Mitteleuropa in Vergessenheit oder ins Abseits geraten?

Visegrad-Staaten

Von den als Visegrad-Staaten bezeichneten Ländern Tschechien, Polen, Slowakei und Ungarn wissen viele im Westen heute nur, dass sie die Balkanroute für Flüchtlinge geschlossen haben, und in manchen Maßnahmen dieser Staaten glauben viele, autoritäre Tendenzen zu erkennen. Welcher geschichtliche Hintergrund kann das erklären?

Diese Region, die nicht mehr zum alten (West-)Römischen Reich gehört hatte, wurde erst gut 500 Jahre später als die römischen Provinzen christianisiert. Sie übernahm den römisch-katholischen Glauben, Latein als Kirchen- und Amtssprache und weitgehend römisches Kirchen-, Staats- und Privatrecht und wurde so ein Teil Europas. Städte wie das Goldene Prag, Breslau, Krakau und Budapest blühten mit Handel und Universitäten, der böhmische König Karl wurde auch zum deutschen König und als Karl IV zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gewählt. Die Königreiche Böhmen, Polen und Ungarn schützten das christliche Europa gegen Bedrohungen aus den Weiten des Ostens wie Hunnen, Mongolen oder Türken.

Später fielen die Dynastien von Böhmen und Ungarn durch Erbschaft an das Haus Habsburg, Polen wurde gewaltsam zwischen Habsburg, Preußen und dem Zarenreich geteilt. Erst in der Zwischenkriegszeit bekamen sie die bald wieder verlorene Freiheit und konnten dann erst nach der Wende wieder zu eigenen Nationalstaaten werden. Sind sie damit wie Deutschland und Italien im 19. Jahrhundert „Spätgekommene“ in der Familie der europäischen Nationalstaaten geworden? Müssen sie, ähnlich wie einst Deutschland und Italien, erst ihr Verhältnis zu den älteren Staaten klären? Was bedeutet das für ihr Geschichtsbild und für ihr Verhältnis zu Europa, das ihnen die gewonnene Freiheit hoffentlich nicht wieder einschränkt?

Fazit

Ein Vortrag mit Diskussion an einem schönen Samstagvormittag konnte natürlich nicht die Antwort auf alle diese Fragen von Visegrad bis zum Brexit bringen. Aber diese Fragen gestellt und darüber gemeinsam gesprochen zu haben und weiter darüber nachdenken zu können – das war sicher die weite Reise nach Breslau wert.

Und warum ist dazu als zu einem schlesischen Thema eingeladen worden? Nun, Schlesien liegt in der Mitte der drei alten Königreiche Böhmen, Polen und Ungarn. In Visegrad ist im Jahr 1335 ein Streit zwischen Böhmen und Polen um die Krone Polens dadurch geschlichtet worden, dass Böhmen für alle Zeiten auf die Krone Polens verzichtete und dafür die schlesischen Piasten-Herzogtümer Teil des Königsreichs Böhmen wurden und bis zum Jahr 1740 geblieben sind. All das geschah daher nicht fern hinten in der Türkei, sondern ist auch uns als schlesische Geschichte ganz nah.

Nach dem mit großem Interesse und Beifall aufgenommenen Vortrag und Diskussion musste Graf Schweinitz Prof. Ruchniewicz leider verabschieden. Eine Einladung zum Abendessen konnte er nicht annehmen, weil er dann einen anderen Vortrag in Kreisau zu halten hatte.

Prof. Ruchniewicz hatte für Referat und Diskussion kein Honorar verlangt. Er würde sich aber freuen, wenn ihm Texte zu schlesischen Themen zugänglich gemacht würden, die für die Wissenschaft bisher in öffentlichen Bibliotheken und Archiven nicht zu finden sind.

Weitere Tagesordnungspunkte

Andrzej Fober gibt einen kurzen Bericht aus Nieder-Schlesien. Er bedauert, dass immer noch so viele an sich erhaltenswerte Gebäude verfallen, weil sich niemand findet, der sich um ihre Nutzung oder Erhaltung kümmert.

Hans Christoph Graf Schweinitz verliest den Bericht über die Jugendarbeit von Armgard v. Pfeffer, die leider nicht nach Breslau kommen konnte. (Anlage).

Prinzessin Eleonore zu Schoenaich-Carolath berichtet über das Projekt „Mein? Dein? Unser! Kulturerbe, das verbindet“, ein Projekt zur Kulturerbevermittlung an Kinder und Jugendliche im Deutsch-Polnischen Grenzraum. Es wurde vom Lehrstuhl für Denkmalkund an der Viadrina und der Stiftung Dobro Kultury organisiert und vom BKM, der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und der Erika-Simin- Stiftung finanziert. Mehr darüber unter www.mein-dein- unser.org.

Thesi v. Wietersheim berichtet über zukünftige Aktivitäten in Muhrau (Frühlingsfest / Schlesierfest geplant im Frühjahr 2017; Zusammenarbeit mit Jugendsprechern der Adelsvereinigungen) und liest einen Brief ihrer Mutter aus dem Jahr 1974 an ihre Schwiegertochter Gula v. Wietersheim über Ideen, die sie schon damals hatte, Muhrau nach einem etwaigen Zusammenbruch des Ostblocks zu pachten.

Weiteres Programm:

Für Samstagnachmittag war kein gemeinsames Programm vorgesehen, sondern die Möglichkeit, individuell oder in kleinen Gruppen je nach Kenntnis der Stadt Besichtigungen vorzunehmen (Rathaus, Ring, Kirchen, Historisches Museum, Leopoldina usw.), vom Hotel aus weitgehend fußläufig zu erreichen. Abends gab es das festliche Essen im Hotel.

Am Sonntag konnten die Anwesenden um 10 Uhr zum Evangelischen Gottesdienst in der Christophorikirche mit Pastor Andrzej Fober gehen bzw. an der Hl. Messe in der Klosterkapelle der Hedwigschwestern mit Peter Marian Arndt teilnehmen.

Nach den Gottesdiensten am Sonntag und am Montag: Fahrt in die Grafschaft Glatz für die Teilnehmer, die sich dazu angemeldet hatten.

Unter Führung durch Erwin Frhr. v. Seherr-Thoß trafen sich die Teilnehmer in Glatz mit Gang durch die Altstadt und Besichtigung der weitläufigen Befestigungen aus habsburgischer und preußischer Zeit. Anschließend fuhr die Gruppe nach Eckersdorf zur Besichtigung der Dorfkirche mit ihrer berühmten Schiffskanzel, über der sich das silberne Segel mit Allianzwappen der Grafen Götzen/Grafen Magnis wölbt. Ein Gedenken an der Grablege der Grafen Magnis ließ verweilen . Der Anblick des Schlosses in fortschreitendem Verfall zeigte ehemalige Pracht und aktuelle Hilflosigkeit.

Im neu hergerichteten Schloss Kamnitz (Seherr-Thoß) empfing uns die Besitzerin, Frau Katarzina Hutna, zu Quartier und Abendessen. Dieses Haus wurde durch stilvollen Ausbau und weitläufige Gartenanlagen gerettet und in ein Refugium für bis zu 25 Gäste verwandelt. Von ihm aus überblickt man weite Teile der Glatzer Grafschaft und die sie umsäumenden Bergketten. Am 2.Tag dieses Ausflug konnte Schloss Eisersdorf (Löbecke) , jetzt Hotel, und das ehemals prächtige Schloss Grafenort besichtigt werden. In dieser Anlage mit Tausenden Quadratmetern Gemäldeflächen an Decken und Wänden , einer berühmten Theateranlage, aber auch mit in Jahrzehnte langer Verwahrlosung beschädigten Bauteilen stemmt sich das polnische Besitzerpaar mit viel Tatkraft und Sachverständnis gegen weiteren Verfall. Der ideenreiche Einsatz und die Findigkeit bei Beschaffung von Mitteln ist zu bewundern. Zum Mittagessen in Bad Reinerz konnte die Walfischkanzel in der Stadtkirche besichtigt werden. Dort steht der Prediger im offenen Maul des Wales. Anschließend an die Führung durch eine Papiermühle am Ort, mit Anfängen der Produktion von verschiedensten Papiersorten im 17.Jht., ging die Fahrt nach dem Wallfahrtsort Albendorf mit seiner hochbeeindruckenden Pilgerkirche, vielfältigem Kreuzweg und Kalvarienberg, eine Spiegelbild der Gläubigkeit der Glatzer Bevölkerung und einst und jetzt ein schlesisches Zentrum des Glaubens. Zum Abschluss dieses voll bepackten Tagesprogrammes gab es ein Essen in Bad Altheide im gepflegten Kurviertel und Rückkehr ins Quartier.

Von hier starteten die Teilnehmer dann nach reichhaltigem Frühstück , zur Autobahn ab Königgrätz gen Westen, durchs Riesengebirge nach Norden und über Neisse Richtung Oberschlesien , erfüllt von einem landschaftlich begeisternden, kulturreichen , aber eher noch schlummernden Stück Schlesien.