Schlesier-Treffen in Bad Muskau

Die Vereinigung Schlesischer Adel (VSA) hatte ihre Mitglieder und Gäste für das erste Oktober-Wochenende zu einem „lockeren Familientreffen“ nach Bad Muskau eingeladen.

Der Park, das Schloß mit der Ausstellung und Fürst Pückler boten den Rahmen für das Treffen. Inhalt sollten, ohne große Vorträge, Begegnungen und Gespräche sein. Gespräche von Schlesiern mit Schlesiern in Schlesien über Schlesien – und Gedanken darüber, was das heute eigentlich für wen bedeutet.

Entsprechend locker war das Programm gestrickt: Am Freitagabend die erste Begegnung, am Samstagvormittag die Begrüßung und ein kurzes Podiumsgespräch, nicht um Ergebnisse zu bestimmten Fragen zu suchen, sondern um einige Gesprächspartner mit besonderem schlesischen Erfahrungshintergrund vorzustellen. Nach einer warmen Suppe dann Park und Pückler-Ausstellung im Schloß und Freizeit bis zum festlichen Abendessen. Am Sonntag gemeinsamer Gottesdienst und für die, die noch Zeit und Lust hatten, ein Besuch in dem anderen Pückler-Schloß in Branitz.

Prinz Ernst Johann Biron von Curland konnte als Vorsitzender fast vierzig ältere und jüngere Teilnehmer aus allen Teilen Deutschlands und Schlesiens begrüßen, darunter mit besonderer Freude Gäste, teilweise auch aus Polen, von denen einige schon bei früheren Treffen über schlesische oder polnische Themen berichtet und mit den Mitgliedern der VSA diskutiert hatten.

Als Einleitung zu der sich anschließenden von Graf Schweinitz moderierten Podiumsdiskussion berichtete er über seine Erfahrungen mit Schlesien, die aus einer Vielzahl von Reisen in die frühere Heimat seiner Eltern resultieren.

Bei seiner ersten Reise nach Schlesien 1989, folgte er einer Einladung  zum 200 ten Geburtstag der Schlosskirche von Großwartenberg, bei der er erste Kontakte zur Geistlichkeit der evangelischen Kirche in Polen knüpfte. Daraus entwickelte sich ein gemeinsames Projekt, zur Renovierung Kirche, die im Krieg und den darauf folgenden Jahren arg gelitten hatte. Im Laufe der Zeit kamen Kontakte zum Bürgermeister und Landrat, zu der Leitung des Gymnasiums und des Kindergartens, zu Deutschen die nach  1945 in der Heimat geblieben sind  und zu vielen Menschen deren Heimat heute Großwartenberg ist, hinzu.

Inzwischen ist es zur Gewohnheit geworden, dass er zu offiziellen Feierlichkeiten in Großwartenberg, wie Einweihungsfeiern, Jubiläen, Konzerten, Empfängen o. ä. Anlässen eingeladen wird. Bei derartigen Gelegenheiten, wird er häufig gebeten, sich an den Feiern mit Grußworten, Reden oder Vorträgen zu beteiligen, meist über Themen, die mit der Geschichte seines Hauses zusammenhängen.

Um das Interesse der Gemeinde an den Kontakten mit den früheren deutschen Bewohnern zu dokumentieren, wurde Prinz Biron stellvertretend für diese zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.

Als seine Frau vor einigen Jahren ihre Bilder im Stadtmuseum von Breslau zeigte, waren bei der Vernissage viele Honoratioren der Stadt anwesend.

Am diesjährigen Groß Wartenberger Heimatkreistreffen in Rinteln nahm eine Delegation von sieben heute in Groß Wartenberg lebenden Polen teil[1] . Sie zeigten an Hand von Lichtbildern, Szenen aus dem Leben ihrer Stadt vor und nach dem Krieg, beteiligten sich an der Gestaltung des Gottesdienstes und einer Podiumsdiskussion zum Thema „Was verbinde ich heute mit Groß Wartenberg?“

Auf deutscher Seite wurde klar gesagt, dass eine persönliche Rückkehr schon kurz nach der Vertreibung nicht mehr für realistisch gehalten wurde und dass die Bilder  von Groß Wartenberg, die jeder nach dem Verlust der Heimat vor fast 70 Jahren im Herzen trug, inzwischen von denen überlagert werden, die man bei den Reisen in die frühere Heimat  gewonnen hat. Nur wenigen Familien ist es gelungen, ein Interesse an der alten Heimat in die nächste Generation zu übertragen. Alle haben gute Freunde unter den heutigen Bewohnern von Groß Wartenberg gefunden und sind froh, dass ihre alte Heimatstadt jetzt zum gemeinsamen Haus Europa gehört und daher ihnen allen offen steht.

Von den polnischen Gästen wurde hervorgehoben, dass sie Groß Wartenberg als ihre Heimatstadt lieben und dort bleiben wollen. Die 700 Jahre alte Geschichte ihrer Heimatstadt  interessiert alle. Man schätzt daher die  Kenntnisse der aus der Heimat vertriebenen Deutschen sehr, die zur Identifikationsfindung der heutigen Bevölkerung beitragen. Die Türen von Groß Wartenberg sind für die früheren Bewohner der Stadt weit offen.

Das sich an den Vortrag von Prinz Biron anschließende Podiumsgespräch unter dem Titel „Ihr Schlesien – unser Schlesien“ behandelte das gleiche Thema, das beim Heimatkreistreffen in Rinteln auf Groß Wartenberg fokussiert diskutiert wurde, allerdings mit einem auf ganz Schlesien  erweiterten Gesichtsfeld.

Hans Christoph Graf Schweinitz stellte als Moderator zunächst die Frage, wer denn mit „Ihr“ und „Unser“ gemeint sei – offensichtlich Menschengruppen, die mit dem Land Schlesien verbunden seien. Aber das seien heute ganz unterschiedliche Menschengruppen:

Zunächst „Alte Schlesier“, die vor dem Krieg in dem Schlesien geboren sind, in dem ihre Familien oft schon viele Jahrhunderte gelebt und gewirkt hatten,– für sie ist Schlesien das Land ihrer Kindheit und Jugend und ihre Heimat.

Zweitens sind das die Kinder und Enkel dieser alten Schlesier, die erst nach dem Krieg im (von Schlesien aus betrachtet) fremden Ausland geboren und aufgewachsen sind. Ihre Heimat ist vielleicht Bayern oder das Rheinland; Schlesien bedeutet für sie jedenfalls etwas ganz anderes als für ihre Eltern oder Großeltern.

Und als Drittes sind das natürlich die Menschen, die heute in Schlesien leben. Sie (oder ihre Eltern oder Großeltern) lebten vor dem Krieg in anderen Ländern und sind – oft gegen ihren Willen im Zuge der unfreiwilligen Völkerwanderungen nach dem Kriege – nach Schlesien gekommen. Aber da leben sie nun schon seit 60 Jahren oder länger und betrachten dieses Land als ihre, besonders nach der Wende, dauerhafte Heimat.

Wie sehr das alles zusammengewachsen ist, macht eine Absage deutlich. Jan Harasimowicz, der bei dem VSA-Treffen 2010 in Breslau über das Forschungsprojekt „Adel in Schlesien“ berichtet hatte, konnte zu dem Treffen nicht kommen, weil er als polnischer Professor der Universität Wrocław an diesem Wochenende in Wien, der Stadt Maria Theresias, eine Ausstellung zum 200-jährigen Jubiläum der Gründung der preußischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Schlesien eröffnete. All diese unsere schlesische, preußische, österreichische und mitteleuropäische Geschichte ist für die heutigen Schlesier noch wichtig und lebendig.

Maciej Kulisz hat bei dem Projekt „Adel in Schlesien“ das Kapitel über Grabdenkmäler im Fürstentum Liegnitz bearbeitet und hatte uns 2010 in Breslau darüber berichtet. Er erzählte nun, was ihm als jungem Schlesier dieses Land mit seiner Landschaft und seiner Geschichte bedeute und daß er sich freue, Kontakte zu alten Schlesiern und zu Nachfahren der von ihm erforschten Familien zu bekommen.

Dr. Markus Bauer, von Geburt kein Schlesier, aber als Leiter des Schlesischen Museums in Görlitz mit alter schlesischer Geschichte ebenso vertraut wie mit nachbarlichen Kontakten in das heutige Schlesien gab einen kurzen Überblick über die Bestände des Museums und über die Arbeit daran, schlesische Kultur lebendig zu erhalten für alte Schlesier, für die polnischen Nachbarn und für die deutschen Generationen, die während des kalten Krieges kaum etwas über Schlesien erfahren konnten.

Pastor Andrzej Fober von der Christophori-Gemeinde in Breslau, zu der alle deutschsprachigen Evangelischen in Schlesien gehören, war schon unser Gast bei den Treffen 2008 in Höhnscheid mit dem Schwerpunkt „Polnische Geschichte“ und 2010 in Breslau mit „Adel in Schlesien“. Er berichtete über eine vierte Gruppe von Schlesiern, seine Gemeindeglieder, die heute in Schlesien lebenden deutschsprachigen evangelischen Menschen. Bis vor einiger Zeit habe man gedacht, diese Gruppe und auch diese Gemeinde werde in absehbarer Zeit aus Altersgründen nicht mehr bestehen, aber jetzt kommen zunehmend deutschsprachige Menschen nach Schlesien, die dort arbeiten und leben, so daß es in der Gemeinde wieder junge Leute, Kinder und Taufen gebe.

Melitta Sallai, geb. v. Wietersheim hat die ersten 17 Jahre ihres Lebens im elterlichen Muhrau bei Striegau gelebt und lebt jetzt schon seit 20 Jahren wieder dort. Sie erzählte davon, was sie erlebt hat, als sie und ihre Geschwister in ihrem Elternhaus einen Kindergarten und später eine Begegnungsstätte eingerichtet haben.

Graf Schweinitz empfahl diese Vielfalt von schlesischen Erfahrungen für weitere Gespräche. Für die ältere Generation müsse es tröstlich sein, zu erfahren, wie lebendig unsere schlesische Geschichte auch heute noch in diesem Lande sei. Für die jüngeren Generationen biete diese Situation die Chance und die Herausforderung, nach dem Westeuropa Karls des Großen nun zusammen mit polnischen Schlesiern auch das Mitteleuropa des Prager Kaisers Karl IV aufzubauen.

Nach einem kurzen Imbiß hatten wir Glück mit dem Wetter: trocken bis sonnig bei angenehmen Herbsttemperaturen konnten wir uns in drei „Kremsern“ den Park zeigen lassen. Beim Schloß wurden wir abgesetzt und konnten dort in der Ausstellung alles über den Fürsten Pückler erfahren.

Dem festlichen Abendessen folgte nicht, wie in der Einladung angekündigt, ein Tanz, weil die Jugendfraktion dafür etwas zu klein ausgefallen war. Stattdessen gab es Gelegenheit zu weiteren Gesprächen, die auch mindestens so lange genutzt wurde, wie ein Tanz gedauert hätte. Eine Rückmeldung bestätigte, es sei so schön gewesen, in diesem Kreise in familiärer Atmosphäre wieder miteinander sprechen zu können, das sollten wir (und wollen wir auch) wiederholen.

Hans Christoph Graf von Schweinitz, Prinz Biron von Curland



[1] unter ihnen der Stellvertreter des Bürgermeisters und je ein Geistlicher der Katholischen und der Evangelischen Kirche.